Donnerstag, 14. September 2017

Ist Apple's ARkit tatsächlich ein Game Changer?



Es ist ja schon faszinierend, wie unterschiedlich die Community auf die Keynote von Apple reagiert.

Da gibt es die technisch eher weniger versierten Beratertypen, die aller Welt erklären wollen, dass jetzt ein neues Zeitalter beginnt und da sind die Entwicklertypen, die komischerweise ganz ruhig sind.

Ich hänge als Typ ja so ein bisschen dazwischen! Seit 2009 habe ich über 350 Augmented Reality Anwendungen entwickelt. Heute berate ich vorwiegend Städte und Kultureinrichtung bei der Umsetzung von digitalen Projekten. Und mit meinem Team setzen wir die Konzepte auch um.

Ich würde schon behaupten wollen, dass ich von dem Thema Augmented Reality Ahnung habe.

Ich habe gerade diesen Artikel gelesen: https://medium.com/super-ventures-blog/arkit-and-arcore-will-not-usher-massive-adoption-of-mobile-ar-da3d87f7e5ad

Dieser Artikel beschreibt sehr gut, warum ARkit wichtig, aber keine Weiterentwicklung ist und somit auch nicht zu einer Veränderung in der digitalen Wahrnehmung führt.

Der Artikel ist zwar techniklastig aber dennoch auch für Nicht-Techniker zu verstehen. Allerdings ist er in (Fach-)Englisch geschrieben.

Ich will nur ein paar Punkte aufgreifen, die ich für sehr wichtig halte.

Ja, ARkit wird unsere Welt verändern! Aber im Moment eher dadurch, dass die Öffentlichkeit ins Boot geholt und dadurch die Community der Entwickler neu motiviert wird. 

Tatsächliche technische Weiterentwicklungen sind nicht zu erkennen, wenn man mal das Facetracking (Gesichtserkennung) außen vorlässt, das ein ganz anderes Problem mit sich bringt, die Datenschutzthematik. Wenn ich mein Gesichtsprofil einmal in der Cloud habe, kann es überall auf der Strasse gelesen werden! Das ist anders als beim Fingerabdruck! Das Facetracking basiert auf einem klaren mathematischen Algorithmus, der nicht auf alles andere angewendet werden kann. Also, wemm Facetracking funktioniert, heißt das nicht, dass ab sofort auch jedes Haus, jede Strasse und jeder Gegenstand zu erkennen ist.

Es gab in der Keynote von Apple nur ein Beispiel, das tatsächlich mein Interesse geweckt hat, die Ansicht vom Baseball Stadion. Alle anderen Beispiele basieren auf der Annahme, dass ich jeden Ort der Welt jetzt sofort in einen Ankerpunkt für eine Augmented Reality Anwendung umwandeln kann. Aber nicht, dass jeder Ort der Welt schon ein Ankerpunkt ist.

Das ist ein riesiger Unterschied. Wir sprechen von der kontextualen Zuordnung von digitalen Informationen. Die Voraussetzung für eine derartige Zuordnung ist, dass das Smartphone tatsächlich etwas wiederkennen kann. Die aktuellen Beispiele des ARkit zeigen nur die Möglichkeit, eine solche Erkennung für einen vorübergehenden Zeitraum für ein Smartphone herzustellen. Ein zweites Smartphone kann nicht automatisch die selbe Erkennung nutzen, sondern muss eine neue Erkennung aufsetzen. Damit wird es schwierig Multi-User-Experiences, also Anwendungen für eine große Zahl von Nutzern, zu entwickeln.

Jetzt könnte man natürlich darüber nachdenken, dass man die gesamte Welt in eine entsprechende Landkarte umwandelt und für jede Ansicht eine eigene Erkennung installiert. Da werden wir vermutlich irgendwann hinkommen, aber nicht morgen und erst recht nicht heute! Eigentlich ist das ein Thema, dass nur die ganz großen bearbeiten können. Doch es gibt aktuell keinen Hinweis darauf, dass sie es tun. Eine Vielzahl von Startups hat sich auf den Weg gemacht, aber sie müssten sich bündeln und trotzdem würden bestimmt mehr als drei Jahre ins Land ziehen, bevor wir eine halbwegs vernünftige Grundlage erhalten.

Bevor ich zu meiner Lieblings-Sportart Baseball zurückkomme, ein kleiner Exkurs zur ortsbasierten Augmented Reality, vor allem bekannt geworden durch Pokémon Go. 

Als Entwickler habe ich tatsächlich Probleme, Pokémon Go als echte Augmented Reality zu bezeichnen. Denn der Augmented Reality Teil nimmt keine tatsächliche Zuordnung vor. Bei dem Spiel ermittelt die App die Position des Spielers. In der App liegt eine gewisse überschaubare Anzahl von Pokémons, die ich im Prinzip überall anzeigen lassen könnte. Die visuelle Darstellung erfolgt relativ. Wird die Kamerafunktion des Smartphones aufgerufen, wird einfach geradezu in einem festgelegten Abstand der entsprechende Pokémon angezeigt. Egal in welche Richtung ich schaue, der Pokémon wird immer vor mir auftauchen. Die App macht nichts anderes, als dass sie festlegt, wann die Kamerafunktion mit welchem Pokémon aufgerufen werden soll. 

Würde ich jetzt beim Entwickler der Pokémon Go App anrufen und fragen, ob wir einen Pokémon so in die App integrieren können, dass er prinzipiell immer auf einem bestimmten Punkt der Erdoberfläche (z.B. meinem Restaurant) auftaucht, so dass ich beim Benutzen der App ggf. die Ausrichtung meines Smartphones so ändern muss, dass es auf das Restaurant zeigt und auch nur dort mittig der Pokémon angezeigt wird, wird er mir sagen, dass das nicht möglich ist. Das würde nur funktionieren, wenn wir neben der Ortung noch die Sensoren Kompass und Gyroskop (Kreiselkompass) hinzuziehen würden und diese tatsächlich eine zuverlässige Himmelsrichtung mit ihrer Initialisierung übermitteln würden. Und genau das tun diese beiden Sensoren leider nicht. Sie können im Zweifelsfall eine Ungenauigkeit von 180° darstellen. Je mehr Gebäude und Menschen um mich herum sind, desto schlechter werden die Ergebnisse. Und es sind wirklich keine kleinen Abweichungen, es sind immer erhebliche Abweichungen und bei jedem Aufruf andere.

Das bedeutet aber auch, dass die ortsbasierte Augmented Reality nur sehr unzuverlässig funktioniert. Stellen wir uns eine Einkaufsstrasse vor, in der ich stehe. Ich öffne meine Stadt-App und nutze die Augmented Reality Funktion. Ich schaue durch die Kamera die Strasse herunter und sehe im Kamerabild Icons für jedes ansässige Geschäft. Leider ist die Richtung der Icons um 45° nach rechts verschoben... Und dieses Ergebnis ist wahrscheinlich. Und je kleiner der Wahrnehmungsbereich wird, desto intensiver ist die Fehlerwahrnehmung beim Nutzer.

Jetzt komme ich endlich zum Baseball. In der Keynote von Apple wurde ein Baseballstadion gezeigt (siehe oben). Im Kamerabild sieht man das Spielfeld und Icons von Spielern, die sich auf dem Spielfeld befinden. Das ist doch genau das, was wir uns wünschen, oder? 

Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass das heute schon verlässlich in den Baseball Stadien Amerikas funktioniert, muss man zum Baseball aber wissen, dass in den Stadien bereits unfassbar viel Technologie, teils aus dem Militär, eingesetzt wird, um jede Veränderung in der realen Welt des Spielfelds aufzuzeichnen. Das geht so weit, dass ich mit meiner App der Major League Baseball bei allen Spielen nur Sekunden nach dem Wurf eines Werfers die Animation der Kurve des Wurfs angezeigt bekomme.
Mit dieser vorhandenen technischen Ausstattung und einem Konzept, wie im Stadion z.B. durch ringsum angebrachte Markierungen jeder Blickwinkel eines Besuchers verstanden werden kann, könnte ich mir vorstellen, dass wir hier demnächst tatsächlich ein erstes wirkliches Real Time Augmented Reality erleben können. Das Stadion der New Yankees ist im Baseball das, was bei der Deutschen Bahn der Bahnhof Südkreuz in Berlin ist. Hier werden alle Technologien als erstes getestet. Wir dürfen gespannt sein. Allerdings ist auch hier klar, dass es sich um einen sehr gekapselten speziellen Bereich handelt und man die Konzepte nicht eins zu eins auf den Rest der Welt übertragen kann.

Mein Fazit:
Durch das ARkit wird Augmented Reality ordentlich an Schwung gewinnen. Im Bereich Games werden wir kurzfristig viele coole Anwendungen erhalten. Aber um Augmented Reality Anwendungen in öffentlichen Bereichen wie in Städten und Kommunen sinnvoll einsetzen zu können, werden noch einmal ein paar Jahre vergehen. Trotzdem schadet es nicht, kleine nette Gimmicks einzubauen und die Verwendung von Augmented Reality zu testen, aber ich kann auch da nur den Hinweis geben, sich an mich oder einen meiner erfahrenen Kollegen zu wenden, um die tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten von Augmented Reality erklärt zu bekommen. Von diesen erfahrenen Beratern gibt es in Deutschland nicht so viele. Nicht jeder der von Augmented Reality spricht, hat auch wirklich die Erfahrung! Ein Kriterium für die Erkennung des erfahrenen Beraters ist der Beginn seiner Arbeit im Bereich Augmented Reality. Wenn das 2009/2010 oder früher ist, dann kann man sicher sein, dass er das Gesamtverständnis für den Einsatz von Augmented Reality hat.

Nachtrag: Augmented, Mixed und Virtual Reality liegen so dicht beieinander, dass es schwer ist die Grenzen zu definieren. Wenn ich über Augmented Reality spreche, dann spreche ich gleichzeitig auch über Mixed und Virtual Reality, da sie bei dem, was ich tue, ähnliche technische Umgebungen haben. Und ich betrachte in diesem Artikel auch nur  Augmenetd Reality für Städte und Museen und auch nur Augmented Reality auf Smartphones.

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