Sonntag, 23. Juli 2017

Kommentar zu "Die App kann weg! Warum fast keiner mehr eine Museumsapp braucht"

Ich habe einen etwas ausführlicheren Kommentar zum Artikel "Die App kann weg! Warum fast keiner mehr eine Museumsapp braucht" verfasst, den ich gerne hier auch wiedergeben möchte:

Hallo zusammen!

Jetzt muss ich mich doch auch einmal einmischen.
Ich entwickle digitale Strategien für Museen und setze diese auch mit meinem Team um.
Welches Anzeigemedium (Webseite, App, Audioguide, QR-Code-Reader,...) ich als Kulturinstitution nutzen sollte, hängt von unglaublich vielen Faktoren ab.
Aber eins ist mir vor allem in den letzten 12 Monaten klar geworden, ich habe noch kein Museum erlebt, das seine Hausaufgaben gemacht hat. Und das meine ich nicht als Vorwurf, sondern nur als Feststellung.
Viele Museen haben eine sechs, sieben oder acht Jahre alte Webseite. Die wollen sie verändern. Gleichzeitig wollen sie auch mobil verfügbar sein und außerdem mit dem Besucher interagieren.
Das ist der Stand bei 100% meiner Kunden und bei den Museen, mit denen ich diskutiere.

Das Problem das alle haben, ist gleich: sie wissen nicht, wo sie beginnen sollen.
Und was tun sie? Sie beginnen irgendwo in der Mitte bei der Umsetzung eines einzelnen (Insel-)Projekts.
Eine nachhaltige Gesamtstrategie wird nicht entwickelt und vor allem ziehen in vielen Fällen die unterschiedlichen Bereiche eines Museums nicht an einem Strang.
Im Fall von App-Projekten ist das tödlich, weil die Eigeninitiative aus dem Haus nur von einzelnen Personen getragen wird und nicht ganzheitlich nach außen vermittelt wird.

Doch wie soll man beginnen? Es ist zwar eine alter Leier, aber am Anfang steht die Digitalisierung!
Ich will mal ein etwas größeres Rad schlagen und einige Themen, die hier angesprochen wurden, einsammeln:
Egal ob ich eine App veröffentliche, eine mobile Webseite launche oder mit QR-Codes rumspiele, ich weiß zu Beginn des Projekts nicht, ob der Weg, den ich beschreite, der richtige ist. Das werde ich erst feststellen, wenn das Projekt veröffentlicht ist. Liege ich daneben, was übrigens in 90% der Fälle wahrscheinlich ist, habe ich ein Problem sowohl in der internen als auch in der externen Legitimierung des Projekts. Bin ich eingleisig gefahren, habe ich ein erhebliches Problem!

Lasst uns doch mal Bottom-Up denken! Die Hauptarbeit in einem Projekt liegt nicht wirklich in der technischen Umsetzung, sondern in der Erstellung GUTER Inhalte. In jedem Projekt entwickle ich immer nur die Inhalte, die ich für das entsprechende Projekt benötige. Am Ende steht ein Produkt. Lasst uns beten, dass es funktioniert!

Was wäre, wenn wir uns projektunabhängig mit der Produktion von Inhalten beschäftigen würden? Ja, am Anfang mag das etwas umfangreicher sein, aber am Ende habe ich ein Fundus an hochwertigen Inhalten, mit denen ich beliebig jonglieren kann.
Dafür ist auch keine große Technologie vonnöten. Ich spreche hier von einer Datenbank und etwas Serverspeicher. Gibt es in einfach und in aufwendig! Man muss sich nur an ein paar klare Formatregeln halten.

Wenn ich diese Aufgabe erfüllt habe, dann ist die Erstellung einer Story (unfassbar wichtig!) und eines Ausgabemediums ganz einfach und preiswert. Funktioniert das eine nicht, ändere ich die Strategie und nutze ein anderes. Oder ich fahre gleich mehrgleisig. Natürlich ist auch die Webseite ein Teil eines solchen Ökosystems!

Und jetzt kommt ein Punkt, der hier schon ein bisschen angeklungen ist. Für kleine Kultureinrichtung ist es nicht nur schwer, die Projekte umzusetzen, es ist noch viel schwerer, die Projekte zu vermarkten.

Warum zum Donnerwetter will denn jedes Museum seine eigene App haben? Warum kann man die denn nicht z.B. in der App der Stadt oder in einer Kultur-App der Stadt / des Bundeslandes unterbringen? Habe ich meine Hausaufgaben gemacht und gut digitalisiert, kann ich meine Inhalte zielgerichtet über eine Schnittstelle zur Verfügung stellen. Andere Apps können sie nach Genehmigung aufnehmen und so zur Verfügung stellen, wie es das Museum wünscht. Das ist wirklich kein Hexenwerk. Ich spreche also nicht nur von der Stadt-/Bundesland-App, sondern auch von Wikipedia, Facebook Messenger (Bot), Whatsapp (Bot), Snapchat, Instagram, Google Places, Foursquare, Tripadvisor, Pokémon Go,... Es gibt so viele Apps, die schon heute von vielen Menschen genutzt werden und die Inhalte Dritter gerne aufnehmen. Warum nicht dieses Potential nutzen. Und es ist in den meisten Fällen kostenlos.
Damit würden die Inhalte auch genau dahin gelangen, wo sich die meisten Besucher eh schon rumtreiben!

Kurz noch einmal zu den Themen QR-Codes und Beacons: Apple hat verkündet, dass der QR-Code-Reader bei iOS in die Kamera wandert. Mehr brauche ich dazu nicht mehr zu sagen. Der arme kleine Kerl ist wieder da! Beacons sind mit Vorsicht zu genießen! Die Genauigkeit ist nicht so, wie man uns weismachen will. Wir haben mehrere Projekte umgesetzt und ich würde Beacons in Zukunft ganz anders einsetzen. Das will ich jetzt aber nicht ausführen, das wäre ein einzelner Kommentar. Richtig ist, dass die Beacons zukünftig auch ohne Apps erkannt werden können. Damit erreichen wir noch einmal eine neue Vermittlungsebene.

Kommen wir zum WLAN! Ein leidiges Thema. Natürlich ist es toll, wenn ein Museum ein flächendeckendes WLAN zur Verfügung stellt. Große Häuser sollen das auch gerne tun, die haben vielleicht die Budgets dafür. Aber ist es wirklich notwendig? Muss ein kleines Museum jetzt sterben, weil es nicht die finanziellen Mittel hat, um ein flächendeckendes WLAN zur Verfügung zu stellen? Natürlich nicht! 
Punkt 1: Ich bin der festen Überzeugung, dass das über Mobilfunk betriebene WLAN in drei bis fünf Jahren Standard ist, weil dann, vor allem in Großstädten, die Netzte ausreichend ausgebaut sind und die Preise einheitlich niedrig sein werden. Dann benötige ich keine teure Verkabelung mehr im Haus, weil jeder Router seine eigene Mobilfunkverbindung hat.
Punkt 2: Meiner Meinung nach reicht es völlig aus, am Eingang und vielleicht in einem vorhandenen Museumskaffee einen WLAN-Zugang zu ermöglichen. Wenn ich an diesen Orten die Informationen als Offline-Inhalte zur Verfügung stelle (App oder Web), dann benötigt der Besucher kein flächendeckendes WLAN. Klar, die Inhalte müssen dann etwas umfangreicher sein, weil ich das, was der Besucher recherchieren wollen könnte, auch mit aufnehmen sollte. Aber alles andere würde ich der Mobilfunkverbindung des Besuchers überlassen. Ja, wenn die Besucher natürlich ein halbe Million Songs auf ihren Geräten haben, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie mögliche Inhalte nicht nachladen können. Aber ganz ehrlich, das ist nicht das Problem des Museums! Mit durchdachter Kommunikation lässt sich darauf gezielt hinweisen.

Technischer Schnickschnack (z.B. Augmented und Virtual Reality):
Ich bin seit vielen Jahren Augmented Reality Entwickler. AR und VR können getrost nach hinten verschoben werden. Ich würde mich zunächst auf die inhaltliche Vermittlung konzentrieren. Die Erweiterung um AR ist auch kein Hexenwerk, zumal Apple diese Technologie ins Betriebssystem verlagert hat. VR hat den großen Nachteil, dass es kosten- und personalintensiv ist. Erst einmal die grundlegenden Hausaufgaben machen, dann erweitern!

Und jetzt noch zum Schluss:
Bitte, liebe Museen, schreibt Eure Projekte nicht mehr vollständig aus! Startet mit einem guten Berater und lasst Euch im Rahmen eines Workshops dabei helfen, eine nachhaltige Strategie zu entwickeln. Nach solch einem Workshop wisst Ihr viel mehr! Und es ist viel einfacher, die zu erbringende Leistung zu beschreiben und auszuschreiben. Auch wenn Ihr glaubt, so schwierig kann es doch gar nicht sein. Doch, es ist sogar noch viel schwieriger, bzw. komplexer! Ihr werdet Euch ärgern und weiterhin unerfolgreiche Projekte entwickeln. Leider rennen da draußen auch eine Menge Scharlatane ohne wirkliche Erfahrung in der Umsetzung von Projekten rum. Prüft vorher, auf welche Erfahrungen im Kulturbereich ein Berater verweisen kann. Ein App-Entwickler, der schon für verschiedene Unternehmen Apps entwickelt hat oder ein Webentwickler, der schon für Museen Webseiten erstellt hat, ist unter Umständen der falsche Berater. 

Habe ich etwas vergessen? Wahrscheinlich! Aber es ist auch echt komplex!

Viele Grüße

Martin Adam

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen